Autorin: Birgitta Kuhlmey
Weiße Katzen
Schon im 2. Jahrhundert nach Christus wird im Talmund (Sammlung der Gesetze und der religiösen Überlieferungen des nachbiblischen Judentums) bekanntgegeben, "dass weiße Katzen mit blauen Augen als Haustiere ungeeignet sind; sie sind nämlich immer taub und nicht in der Lage, Ratten und Mäuse zu verjagen", (Balt-de Jong, 1974).
Schwankart, Präsident des ersten deutschen Katzenclubs, meinte 1928, die blauäugigen weißen Katzen wären zur Hälfte taub (Wegner, 1995).
Bergsma und Brown stellen 1971 bei einer Untersuchung von 185 weißen Katzen fest, dass 43 % taub waren.
1973 untersuchte Mair 110 weiße Katzen und stellte bei 47 % der Tiere Taubheit fest.
Bei den von Bergsma und Brown untersuchten Tieren waren von den blauäugigen weißen Katzen 65 % ein- oder beidseitig taub; von den odd-eyed weißen Katzen waren 39 % taub und von den weißen Katzen mit pigmentierten Augen waren 22 % taub.
Die Untersuchungen von Mair haben ergaben, dass 85 % der blauäugigen weißen Katzen, 40 % der odd-eyed weißen Katzen und 16,7 % der Katzen mit pigmentierten Augen an Taubheit litten.
Studie von Bergsma & Brown, 1971
Bergsma, D.R. & Brown, K. S. (1971)
White fur, blue eyes, and deafness in domestic cat. Journal of Heredity 62, 171 - 185
Anzahl der weißen Katzen: 185
| Augenfarbe | % Taubheit |
| blaue Augen | 65 % taub |
| odd-eyed | 39 % taub |
| pigmentierte Augen | 22 % taub |
Studie von Mair, 1973
Mair, I.W.S. (1973)
Hereditary deafness in the white cat. Acta Otolaryngologica Suppl. 314, 1- 48
Anzahl der weißen Katzen: 110
| Augenfarbe | % Taubheit |
| blaue Augen | 85 % taub |
| odd-eyed | 40 % taub |
| pigmentierte Augen | 17 % taub |
Diese Untersuchungsergebnisse sollen Sie anregen, über die Problematik nachzudenken. Würden diese Ergebnisse auch auf unsere "modernen" weißen Katzen zutreffen? "Weiß" züchtet man heute schließlich nur heterozygot! Oder etwa nicht?
1962 hat man sich erstmals in England Gedanken über diese Angelegenheit gemacht. Ausgehend von der Tatsache, dass Taubheit bei blauäugigen Siamkatzen unbekannt war, sah man hier eine Möglichkeit, weiße Katzen mit Siam-blauen Augen zu züchten und kreierte die blauäugige Foreign White, eine weiße Siamkatze. Ob das Problem "Taubheit in Zusammenhang mit Blauäugigkeit und weißem Haarkleid" auf diese Art tatsächlich gelöst werden konnte, berichte ich später.
Das Auftreten der weißen Fellfarbe bei weißen Katzen kann unterschiedliche Ursachen haben:
- fehlt Tyrosinase in den Melanozyten, in den Zellen, die zur Melaninbildung befähigt sind, liegt das an den Genen ca oder c aus der Albinoserie,
- treten Störungen bei der Melanoblastenwanderung und -differenzierung in den Anfangsschritten im hierarischen System der Pigmentierungen auf, sind die Verursacher entweder das W-Gen, das völlig weißes Fell produziert, oder das S-Gen, das für weiße Flecken im Haarkleid verantwortlich ist.
In der Rassekatzenzucht sind Katzen, deren weißes Fell durch rezessive Allele der Albinoserie ca und c determiniert wird, praktisch ohne Bedeutung, weil Tiere mit diesen Defektgenen entweder in zu geringer Anzahl vorhanden sind oder gar nicht gezüchtet werden. Unter den Rassekatzen sind weiß gescheckte Tiere und Katzen, die völlig weißes Fell aufgrund des W-Gens haben, jedoch sehr begehrte Vertreter.
W-Genort
W ist das Symbol für White (Weiß). Am W-Genort finden wir zwei Allele:
- das rezessive Allel w für Nicht-Weiß, das alle Farben zum Ausdruck kommen lässt, die von anderen Genorten bestimmt werden und
- das dominante Allel W, das über alle Farbgene epistatisch ist, die Farben "maskiert" und das Fell weiß erscheinen lässt.
Das W-Gen vererbt sich unabhängig von allen anderen Pigmentierungsgenen. Eine weiße Katze kann "unter" ihrem weißen Fell jeden erdenklichen Genotyp in puncto Fellfarbe oder Fellzeichnung tragen. Aufklärung darüber liefert der Nachwuchs.
Leider beschränkt das W-Gen seine Wirkungsweise nicht bei allen Tieren nur darauf, dass es weißes Fell produziert, bei einigen Tieren erzeugt das W-Gen Nebeneffekte in Form von
- ein- oder beidseitig fehlender Irispigmentation und
- ein- oder beidseitiger Gehörstörung
Die Tatsache, dass ein Gen sich nicht nur auf einen Effekt beschränkt, sondern auch Nebeneffekte verursachen kann, nennt man Pleiotropie.
Man sagt, dass das dominante autosomale W-Gen
- eine Penetranz von 100 % bezüglich der weißen Fellfarbe und
- unregelmäßige Penetranz in Bezug auf blaue Augenfarbe und Gehörstörungen hat.
Die Anzahl der weißen Katzen mit den genannten Nebeneffekten kann eingeschränkt werden, indem man Homozygotie am W-Genort vermeidet.
Bei Homozygotie treten Nebeneffekte nämlich deutlich häufiger auf als bei Heterozygotie. Es ist die Aufgabe des Züchters darauf zu achten, dass weiß mal weiß Paarungen vermieden werden.
Das W-Gen zeichnet sich nicht nur durch Pleiotropie, sondern auch durch Epistasie aus. Es "überdeckt" die Wirkungen anderer Genorte. "Schädliche" Gene können deshalb oft nicht erkannt werden. Einige Beispiele:
- Siam-Gene können falsche Seheindrücke zwischen Auge und Gehirn vermitteln, wodurch das Schielen entsteht und auch Nystagmus (horizontales Augenflattern) hervorgerufen wird. Durch das W-Gen kann bei einer Katze mit weiß-blauen Augen ein homozygoter Genort für Teilalbinismus nicht ohne Weiteres erkannt werden.
- Ein hoher (großer) Weißscheckungsanteil kann genauso wie das W-Gen Gehörstörungen und Irisdepigmentationen hervorrufen. Durch das W-Gen können Katzen mit homozygotem Scheckungsgenort (SS), der für extrem hohen Weißanteil verantwortlich ist, nicht erkannt werden.
Das W-Gen und die Augenfarben
Die Augenfarbe wird nicht - wie die Fellfarbe - durch das eine oder andere Hauptgen, sondern polygen, durch mehrere Gengruppen, determiniert. Weiße Katzen können
- pigmentierte Augen (pigmentiert wird hier benutzt als nicht-blau und umfasst alle bekannten Augenfarben wir Kupfer, Orange, Gold, Gelb, Grün Smaragdgrün und alle Schattierungen dazwischen)
- blau Augen oder
- heterochrome Irisfärbung (ein blaues und ein pigmentiertes Auge) haben.
Die Augenfarbe, so wie wir sie wahrnehmen, wird durch die Farbe der Iris bestimmt. Die Farbe der Iris wird im Wesentlichen durch das anwesende Pigment im Irisstroma, der Dicke vom Irisstroma und durch das anwesende Pigment im Irishinterblatt festgelegt. Junge Katzen haben immer blaue Augen, weil das Irisstromapigment noch nicht entwickelt ist.
Blaue Augen
Blaue Augen bei weißen Katzen kann man in verschiedene Gruppen einteilen:
- Das blaue Auge, das durch die Anwesenheit der Allele cscs (Siam) entsteht, es hat keine Irisstromapigmentation und fast immer ein Tapetum lucidum (Bergma und Brown, 1971), es wird Siam-blau oder Turner-blau genannt.
- Das blaue Auge, das zum W-Gen gehört, es hat keine Irisstromapigmentation, keine Funduspigmentation und kein Tapetum lucidum (Marian Raadsveld, 1977), es wir weiß-blaues Auge genannt.
- Das blaue Auge, das zum S-Gen (Weißscheckungsgen) gehört, es ist identisch mit dem blauen Auge vom W-Genort, es hat keine Irispigmentation, keine Funduspigmentation und kein Tapetum lucidum.
Das Tapetum lucidum
Das Tapetum lucidum ist ein halbmondförmiges, lichtreflektierendes Feld im Augenhintergrund. Es wirkt wie ein Spiegel, durch dessen Reflexwirkung das einfallende Licht zweimal die lichtempfindlichen Zellen der Retina trifft. Seine Farbe variiert von Gelb über Blau bis Blaugrün. Neugeborene Kätzchen haben noch kein Tapetum lucidum. Voll entwickelt ist es erst, wenn die Katzen ca. vier Monate alt sind. Durch das Tapetum lucidum können Katzen besonders bei Dämmerung besser sehen. Übrigens, diese reflektierende Schicht im Augenhintergrund haben fast alle Wirbeltiere, nur bei Schweinen und Affen (und Menschen) fehlt sie.
Katzenaugen mit Tapetum lucidum reflektieren gelbgrün. Durch das Tapetum lucidum können Katzen bei Dämmerung und Dunkelheit besser sehen.
Katzenaugen ohne Tapetum lucidum refektieren rot wie die Augen der Menschen. Menschen haben kein Tapetum lucidum.
Bei weißen Katzen mit unterschiedlicher Augenfarbe (ein blaues, ein pigmentiertes Auge) kann man bei bestimmten Lichtverhältnissen deutlich erkennen, dass das blaue Auge kein Tapetum lucidum besitzt. Bei diesen Tieren ist die Pupille des blauen Auges deutlich weiter geöffnet als die des pigmentierten Auges. Die Katze versucht, durch die größere Pupillenöffnung die fehlende Lichtreflexion auszugleichen.
Weiße Katzen können auch zweierlei blaue Augen haben, die unterschiedlichen Ursprungs sind: Das eine Auge besitzt ein Tapetum lucidum und ist Siam-blau aufgrund des cscs Genotyps und das andere Auge besitzt kein Tapetum lucidum und ist weiß-blau aufgrund des W-Gens oder des S-Gens.
Ich denke dabei an Foreign White-Katzen (W-cscs ) und an Ragdoll-Katzen (cscs S-). In vielen Fällen ist das weiß-blaue Auge heller als das Siam-blaue Auge. Es muss aber nicht so sein. Das Tapetum lucidum ist ein gutes Kriterium, weiß-blaue Augen von Siam-blauen Augen unterscheiden zu können.
Bergman und Brown kamen 1971 zu dem Schluss, dass homozygote WW-Katzen immer blaue Augen haben. Außerdem stellten sie fest, dass aus weiß (blaue Augen) mal weiß (blaue Augen) Paarungen in den meisten Fällen blauäugige Kitten resultieren, dass jedoch auch Jungtiere mit heterochromer Irisfärbung und mit pigmentierten Augen geboren werden können. 1975 kam van de Meerendonk zum gleichen Ergebnis und wies zusätzlich darauf hin, dass aus zwei weißen Eltern mit pigmentierten Augen sowohl blauäugige als auch odd-eyed Kitten geboren werden können.
Weiße Katzen mit blauen Augen sind immer mit einer gewissen Portion Skepsis zu betrachten:
- die weiß-blauen Augen wegen des fehlenden Tapetum lucidum und
- die Siam-blauen Augen u.a. auch wegen der Beeinträchtigung des stereoskopischen (räumlichen) Sehens. (V. Schmidt, 1993).
Das W-Gen und Gehörstörungen
Das Krankheitsbild, das durch das W-Gen hervorgerufen wird, bezieht sich nicht nur auf die Sehschwäche der blauen Augen ohne Tapetum lucidum, es zeigt sich leider auch in Form von leichter Schwerhörigkeit bis völliger Taubheit. Die Schwerhörigkeit oder die Taubheit kann ein- oder beidseitig auftreten. Sie entsteht durch degenerative Veränderungen am Innenohr. Schwerhörigkeit bzw. Taubheit entwickelt sich ab der dritten bis vierten Lebenswoche.
Untersuchungen von Searle (1968), Bergma und Brown (1971), Mair (1973) und van de Meerendonk (1975) ergaben, dass
- die Mehrzahl der weißen tauben Katzen blauäugig sind,
- odd-eyed Katzen weniger oft taub sind als blau-äugige,
- unter weißen Katzen mit pigmentierten Augen signifikant weniger taube Tiere auftreten als unter blauäugigen oder odd-eyed Katzen.
Die Taubheit ist nicht rassebezogen, jedoch gibt es mehr langhaarige taube Tiere als kurzhaarige, weil weniger weiße kurzhaarige als langhaarige Katzen gezüchtet werden. Erbliche Taubheit vom W-Typ kommt bei farbigen (pigmentierten) Katzen nie vor.
1962 haben sich englische Katzenzüchter Gedanken darüber gemacht, wie man weiße blauäugige Katzen ohne Taubheit züchten kann. Unter Führung von Patricia Turner wurde ein Zuchtprogramm erstellt. Weil bei den blauäugigen Siamkatzen Taubheit unbekannt war, dachte man, dass man die erbliche Taubheit eliminieren könnte, indem man weiße Katzen in Kombination mit den rezessiven Allelen cscs der Siamkatzen züchtete. Man nannte diese Katzen Foreign White. Die Theorie bezüglich der Taubheit sah in der Praxis etwas anders aus. Weiße Katzen mit cscs Allelen können nämlich auch taub sein (Marian Raadsvelt, 1977), weil das Krankheitsbild, das die Gehörstörungen beinhaltet, nicht mit den Allelen für Teilalbinismus verbunden ist, sondern am W-Gen gekoppelt ist. Ob Foreign White-Katzen Siam-blaue Augen, weiß-blaue Augen oder zweierlei blaue Augen haben (ein Siam-blaues und ein weiß-blaues), kann man am besten mithilfe eines Ophtalmoskops erkennen. Schauen Sie sich in einem halbdunklen Raum durch ein Ophtalmoskop den Augenhintergrund durch die Pupillenöffnung an. Die meisten Tiere lassen sich das ohne Weiteres gefallen. Wenn Sie eine grünlich leuchtende Fläche entdecken, sehen Sie das Tapetum lucidum.
Literatur:
Het Syndroom Van Waadenburg Bij De Foreign White Kat, M. Raadsfeld
Über "Turner Blue" und Foreign White Katzen - weiterlesen ...
Die Taubheit - eine Bagatelle?
Katzen haben das größte Laut-Repertoire aller Lebewesen, abgesehen vom Menschen. Wenn Katzen hauptsächlich in der Wohnung gehalten werden, bauen sie zu ihrem Menschen individuelle Arten der Kommunikation auf. Sie drücken ihre Wünsche in erster Linie durch ihre Stimme aus. Durch verschiedene Tonlagen und unterschiedliche Längen des Miausens verstehen sie, den menschlichen Partnern Wünsche und Stimmungen mitzuteilen.
Taube Katzen miauen auch, wenn sie etwas wollen oder wenn ihnen unbehaglich ist. Aber die vielen unterschiedlichen Feinheiten der Stimme können sie nicht zum Ausdruck bringen. Meistens miauen sie außergewöhnlich laut und auffallend eintönig.
Die Lautgebung ist ein wichtiges Mittel zur inner- und zwischenartlichen Verständigung im Tierbereich. Katzen tauschen untereinander durch ihre Stimme wichtige Botschaften aus. Wenn taube und hörende Katzen zusammenleben, wird der Sozialkontakt entweder gestört, oder er kann erst gar nicht artgemäß aufgebaut werden. Hierzu einige Beispiele:
- Drohlaute werden bei zu vertraulicher Annäherung zu spät wahrgenommen.
- Das Gurren, das Subdominanz bedeutet, kann nicht erkannt werden.
- Der Drohgesang der Kater, der zur Feststellung der Rangordnung untereinander dient, kann nicht wahrgenommen werden.
- Das Schnurren der Mutterkatze, das zur Optimierung der Mutter-Kind-Bindung beiträgt, kann von tauben Kitten nur schwer bemerkt werden.
- Der Hilferuf der Kitten kann von der Mutterkatze nicht gehört werden.
Taube Katzen entwickeln sich oft zu ängstlichen Persönlichkeiten und brauchen extreme Behütung. Ausgang bedeutet für sie nicht selten den Tod, denn sie hören weder den drohenden Hund noch das herannahende Auto.
Leider gibt es noch viele Katzenliebhaber, die diese Behinderung verharmlosen und als Bagatelle bezeichnen. Sie glauben, dass eine taube Katze nichts vermissen kann, was sie niemals gekannt hat. Andere Katzenfreunde besitzen schon jahrelang weiße Wohnungskatzen und bemerken gar nicht, dass die Tiere taub sind. Liegt es an der schlechten Beobachtungsgabe der Katzenbesitzer oder liegt es daran, dass Katzen wahre Anpassungskünstler sind?
Fest steht, dass seit über 130 Jahren weiße Katzen gezüchtet werden´, der pleiotrope Effekt des W-Gens jedoch nicht eliminiert werden konnte.
Wir wollen nicht vergessen, dass die Türkisch Angora Katzen über viele Jahre nur mit weißer Fellfarbe gezüchtet werden durften. In den renomierten deutschen Katzenvereinen haben die farbigen Türkisch-Angora-Katzen erst 1993 den Champion-Status erhalten. Bis zu diesem Zeitpunkt waren sie verpönt. Weiß mal weiß Paarungen waren die Regel und nicht die Ausnahme. Heute spricht am verständlicherweise über solche Angelegenheiten nicht gern, denn heute züchtet man bewusster. "Moderne" weiße Katzen sind heterozygot weiß (Ww), denn weiß mal weiß Paarungen sind in fast allen Katzenvereinen untersagt. Sicherlich würden wissenschaftliche Untersuchungen über Katzen der neuen weißen Generation anders ausfallen, als die bekannten Untersuchungen aus den 70er Jahren, als man noch eifrig weiß mal weiß kreuzte, um möglichst viele weiße Kätzchen zu bekommen.
Eine weiße Katze kann genotypisch alle Farben und Muster tragen - einschließlich Weißscheckung. Das weiße Haarkleid stellt keine neue Farbe dar, es maskiert lediglich alle Farben, die ohne das W-Gen phänotypisch zum Ausdruck gekommen wären. Den Genotyp einer weißen Katze kann man daher nur mit W- darstellen.
Aus zwei homozygot weißen Katzen (WW mal WW) können natürlich nur weiße Katzen (WW) geboren werden. Aus zwei heterozygot weißen Katzen (Ww mal Ww) resultieren weiße (WW und Ww) und pigmentierte Katzen (ww).
Das Kreuzungsquadrat zeigt die Genotypen der Nachkommen, die aus zwei heterozygoten weißen (Ww) Katzen resultieren.
WW = homozygot weiße Katzen
Ww = heterozygot weiße Katzen
ww = pigmentierte Katzen
Genotypen
| W | w | |
| W | WW | Ww |
| w | Ww | ww |
Pleiotropie und Epistasie machen das W-Gen zu einem gefährlichen Werkzeug für Züchter.
Einige Katzenzuchtvereine haben Regeln erstellt, dass alle weißen Zuchtkatzen und Zuchtkater
- durch eine audiometrische Untersuchung beweisen müssen, dass keine Gehörstörungen vorliegen,
- durch eine ophthalmologische Untersuchung beweisen müssen, dass in jedem blauen Auge ein Tapetum lucidum liegt,
- Identifikationsnummern besitzen müssen, damit sie nicht verwechselt werden können.
Diese Maßnahmen sind kritisch zu betrachten, weil sie Sicherheit vorgaukeln.
Tatsache ist, dass weiße hörende Katzen
weiße Jungtiere bekommen können,
die taub sind oder schlecht hören können.
Untersuchungen können die Taubheit nicht eliminieren, denn
die Taubheit wird zusammen mit dem W-Gen vererbt.
Jedes Mal, wenn das W-Gen vererbt wird, kann auch Schwerhörigkeit oder Taubheit vererbt werden - selbst dann, wenn die Eltern hörend sind.
Wenn man feststellt, dass die Katze taub ist, kann kein Medikament die Taubheit rückgängig machen.
Roy Robinson, White Cats
Nachtrag (02/2012) zum Artikel:
Die Studien von Bergsma & Brown und Mair aus den 70er Jahren liefern keine detaillierten Informationen, ob die untersuchten weißen Katzen homozygot oder heterozygot am W-Genort waren.
In der Studie von Cvejic aus dem Jahre 2009 haben alle 84 weiße Rassekatzen den Genotyp Ww, sind also heterozygot am W-Genort.
Bei über 20 % der untersuchten weißen Rassekatzen wurde festgestellt, dass sie taub sind.
Hier ist die Zusammenfassung der Dissertation (in kursiver Schrift) von Dejan Cvejic aus dem Jahre 2009:
Untersuchungen zum aktuellen Vorkommen angeborener Taubheit bei weißen Rassekatzen
Ziel dieser Arbeit war es, objektive Daten zum Vorkommen angeborener Taubheit bei weißen Rassekatzen zu erheben. Hierfür wurden die Gehörtests - Click-Evoked Brainstem Auditory Evoked Response (BAER) - von 84 reinrassigen weißen Katzen ausgewertet, die zur Beurteilung des Hörvermögens im Rahmen der Zuchtzulassung in der Medizinischen Kleintierklinik vorgestellt wurden. Die Katzen gehörten zehn verschiedenen registrierten Katzenrassen an. Das Hörvermögen wurde mit einer objektiven elektrodiagnostischen Methode, den click-evozierten Hirnstammpotentialen (BAER) für jedes Ohr untersucht. Insgesamt wurden 20,2 % der untersuchten Katzen entweder als ein- oder beidseitig taub beurteilt. 10,7 % der Katzen waren beidseitig und 9,5 % einseitig taub. Die tauben Katzen gehörten sechs verschiedenen Rassen an: Türkisch Angora, Britisch Kurzhaar, Maine Coon, Norwegische Waldkatze, Perser, Foreign White. Männliche und weibliche Katzen waren gleichermaßen betroffen (p = 0,851). Eine Taubheit wurde bei 44,4 % der Katzen mit zwei blauen Augen, bei 20,0 % der Katzen mit einem blauen Auge und bei 18,9 % der Katzen mit einer anderen Augenfarbe beobachtet. Bei Katzen mit blauen Augen wurde häufiger eine Taubheit festgestellt (p = 0,040). Katzen mit zwei blauen Augenhatten ein größeres Risiko für eine ein- oder beidseitige Taubheit (Odds ratio = 5,75) als Katzen anderer Augenfarben.
Die hier vorliegende Studie zeigt, dass einseitige und beidseitige Taubheit immer noch häufig bei reinrassigen weißen Katzen in Deutschland vorkommt; trotz der Empfehlungen des Zuchtverbandes, das Züchten weißer Katzen zu vermeiden und der Tatsache, dass das deutsche Tierzuchtgesetz eine Zucht, die zu erblich bedingten Defekten führt, nicht erlaubt.
Prof. Dr. W. Wegner schreibt über die Resultate einer fast hundertjährigen Forschung bezüglich der Taubheit weißer Katzen.
Prof. Dr. W. Wegner: Defektzucht bei Katzen - ein aktuelles, prinzipiell wichtiges Urteil; Quelle: Katzen Magazin, 1994, RORO-Press Verlag AG, Zürich
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Wie züchtet man "weiße" Katzen mit blauen Augen ohne das W-Gen?
Um den Problemen der Weißzucht aus dem Wege zu gehen, kann man den Farbschlag Silver-Shaded wählen.
Katzen in SILVER-SHADED (bzw. silver tipped) haben ein nahezu weißes Haarkleid, nur die Haarspitzen sind gefärbt.
Die hellste Variante ist FAWN-SILVER-SHADED (bzw. fawn-silver-tipped) -
Genotyp: A-blblC-ddTiATiA II mit Widebanding.
Eine andere Variante ist LILAC-SILVER-SHADED (bzw. lilac-silver-tipped) -
Genotyp: A-bbC-ddTiATiA II mit Widebanding.
Bringt man in diese Farbschläge noch den Pointfaktor (cscs-Gene für Siamzeichnung) ein, bekommt man fast weiße Katzen mit blauen Augen ohne das W-Gen.
Allerdings muss beachtet werden, dass zusammen mit den Genen für Teilalbinismus auch Strabismus (Schielen) und Nastigmus (Augenzittern) vererbt werden können. Der Züchter hat darauf praktisch keinen Einfluss. Schielen und Augenzittern sind wahrscheinlich die Folge des Melaninmangels während der Embryonalentwicklung.
Empfehlenswert ist es nicht, Teilalbinismus als Farbaufheller einzusetzen.
Silver-shaded Katzen sind fast weiße Katzen und haben keine Probleme mit der Taubheit. Jedenfalls ist bis jetzt (2012) über dieses Thema nichts bekannt.
Der Farbschlag CREAM-SHELL-CAMEO wäre eine weitere Alternative, um Katzen zu bekommen, die fast weiß aussehen.
Diesen Phaomelanin-Farbschlag mit Teilalbinismus in Form von Siamzeichnung zu vereinen, ist wegen der der Gefahr von Strabismus und Nastigmus bestimmt nicht zu empfehlen.
Generell ist zu sagen, dass jede Art von Pigmentmangel nicht unbedingt ein Zuchtziel sein sollte.
Zuchten mit extremen Pigmentmangel sollten auf jeden Fall vermieden werden.
Der Artikel "WEISSE KATZEN" ist Teil einer Serie.
"Vererbung der Fellfarben und Fellmuster bei Katzen"
habe ich für das Magazin "Our Cats" in den Jahren 1996/1997 geschrieben.
Die komplette Serie können Sie auf meiner privaten Website lesen:
http://www.birgitta-online.com/katzen-genetik-fell/
Mehr Informationen über die Taubheit bei weißen Katzen lesen Sie in der
Dissertation von Cvejic, Dejan:
Congenital sensorineural deafness in client-owned pure-breed white cats (2009)
Darf man weiße Katzen züchten? Was sagt das Gesetz?
Gutachten zur Auslegung § 11b des Tierschutzgesetzes (Verbot von Qualzucht)
Weitere interessante Meinungen zur Weißzucht erfahren Sie im
Laut Tierschutzgesetz - Zuchtverbot für ...
Auszug Gutachten, 2005
|
Rasse |
Merkmale (Leitsymptome) |
Zucht (Verbot bei Verstoß nach § 11b des Tier- schutzgesetzes) |
|
Manx, Cymric |
Kurzschwänzigkeit bzw. Schwanz- losigkeit (Verkürzung des Schwan- zes bis hin zur Stummelschwän- zigkeit oder völligen Schwanzlo- sigkeit) |
Verbot |
|
Türkisch Angora, Perser, Foreign White, Orientalisch Kurzhaar, Russian White, Van- Katze u. a. |
Farbaufhellungen des Felles und der Iris (weißes, bzw. vorwiegend weißes Fell, variable Augenfarbe) |
− Verbot für Tiere, deren weiße Fellfarbe durch das Gen W determiniert ist
− Verbot für Tiere mit Hör- oder Sehstörun- gen |
|
Scottish Fold, Highland Fold, Pudelkatze |
Anomalien des äußeren Ohres (Ohrmuscheln nach vorne abge- knickt) |
Verbot |
|
Rex Katzen (Devon-, Cornish-, German Rex u. a.); Sphinx |
Anomalien / Abweichungen des Haarkleides (gestörtes Haarwachstum bis hin zur nahezu völligen Haarlosigkeit, Verkürzung bzw. Fehlen der Tast- haare) |
Verbot für Tiere, bei denen die Tasthaare feh- len |
|
diverse und Maine Coon, „Superscratcher“ |
Polydaktylie (überzählige Zehen an den Pfoten) |
Verbot |
|
Perser Katzen, Exotic Shorthair, u. a. |
Brachyzephalie, großer, rundlicher Kopf, kräftige Backenpartie, kurze breite Nase, ausgeprägter Stop |
− Verbot für extrem kurznasige Tiere = oberer Rand des Nasenspiegels liegt über dem unteren Augenlidrand
− Verbot für brachyzephale Katzen mit Ge- burtsstörungen oder Anomalien im Bereich des Gesichtsschädels (Oberkiefer- verkürzung, Verengung der Tränennasen- kanäle oder / und der oberen Atemwege etc.) |
|
gehäuft bei brachyzephalen Ras- sen (z. B. Perser) |
Entropium (Einwärtsdrehen des Augenlid- rands) |
Verbot |
©Birgitta Kuhlmey
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Antworten auf den Artikel über weiße Katzen finden Sie hier:
25.08.2012
E-Mail von: Carola Noah
Text:
Nachricht: "wir haben eine weisse Katze sie ist aber nicht reinrassig wir haben festgestellt das sie taub ist wir verständigen uns mit Handzeichen und Fussaufstampfen es Geht ganz gut"
Meine Antwort:
Danke, Carola - für den Tipp.
Weiße Katzen? Das muss nicht sein! Silver-shaded ist "weiß" genug.
KATZEN - CATS - KATTEN - GATOS






















